Wie sieht eigentlich die Welt aus den Augen des Pferdes aus?

Die Welt aus den Augen des Pferdes

Hast Du Dich auch schon des Öfteren gefragt, wie wohl Dein Hotte Hü die Welt wahrnimmt? Würdest Du vieles dafür geben, nur einmal einen kurzen Moment aus den Augen des Pferdes sehen zu können? Sieht es genauso dreidimensional wie wir Menschen? Kann Dein Pferd auch alle Farben erkennen, so wie wir Menschen es üblicherweise können? Da Pferde zu den Fluchttieren gehören, ist ein guter, zweckmäßiger Sehsinn in der freien Wildbahn besonders wichtig.

Die Augen des Pferdes können nicht alle Farben wie das menschliche Auge erkennen.

Der Panoramablick

Beginnen wir mit der „Lage“ der Augen. Während die menschlichen Augen frontal im Kopf sitzen, sind die Augen des Pferdes seitlich am Kopf angeordnet. Dadurch besitzen Pferde ein sehr großes Gesichtsfeld. Sie können fast 340 Grad rundum überblicken, ohne dabei den Kopf zu drehen. Im Vergleich dazu können Menschen mal gerade 200 Grad umblicken. Auch die längliche, querovale Pupille trägt zum Panoramablick des Pferdes bei. Somit haben Pferde lediglich direkt vor der Stirn (ca. 50 bis 80 cm) und hinter dem Schweif jeweils einen toten Winkel.

Die Augen des Pferdes liefern ein großes Gesichtsfeld.

Die seitliche Anordnung der Augen hat jedoch den Nachteil, dass Pferde nur vorne, in einem Bereich von etwa 15 bis 20 Grad, ihre Umgebung dreidimensional (binokulares Sehen = beidäugig sehen) wahrnehmen. Seitlich des Kopfes sehen sie nur zweidimensional (monokulares Sehen = einäugig sehen). So können Pferde Entfernungen schlechter abschätzen als wir Menschen. Wenn Pferde etwas genauer inspizieren wollen, versuchen sie daher das Objekt durch Bewegung des Kopfes ins räumliche Sichtfeld zu bekommen.

Rot-Grün-Schwäche

Im Gegensatz zu uns Menschen, die 3 Sinneszellen (Zapfen) zur Farberkennung auf ihrer Netzhaut haben, besitzen Pferde lediglich 2 Zapfen. Somit können die Augen des Pferdes zwar farbig sehen, allerdings nicht mit der ganzen Farbpalette, die einem Menschen zur Verfügung steht.

Pferde sind somit sogenannte Dichromaten, wie viele andere Säugetiere auch. Die zwei Farbzapfen nehmen exakt die Wellenlängen der Farben blau und gelb auf. Pferde nehmen ihre Umwelt also farblich in etwa wahr wie Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche. Das ist der Grund, warum viele Hindernisse in grellen Farben, vorzugsweise in blau und gelb gestaltet sind, wie z.B. bei der bekannten Trainingsmethode der Dualaktivierung nach Michael Geitner.

Schlechte Verbindung

Ein weiterer Aspekt, den die oben erwähnte Trainingsmethode der Dualaktivierung aufgreift, ist die fast nicht vorhandene Verbindung der beiden Gehirnhälften. Das linke Auge ist mit der rechten Gehirnhälfte verbunden, das rechte Auge mit der linken Gehirnhälfte. Die Verknüpfung der Gehirnhälften durch den Corpus Callosum (Balken) funktioniert nur eingeschränkt und bei weitem nicht so reibungslos wie bei uns Menschen. Deshalb kann es passieren, dass ein Gegenstand auf der linken Hand wahrgenommen und auf der rechten Hand nicht wiedererkannt wird. Grund ist die einseitige Wahrnehmung durch nur ein Auge des Pferdes und die fehlende Übermittlung von der einen zur anderen Gehirnhälfte. Weit verbreitet ist die Beobachtung und die Meinung, dass Pferde meistens auf dem linken Auge scheuen, weil rechts das emotionale Gehirnzentrum liegt.

Durchblick im Dunkeln

Pferde haben im Vergleich zu anderen Tieren sehr große Augen. Selbst Elefanten oder Wale, die eine viel größere Körpermasse als das Pferd besitzen, haben ein deutlich kleineres Auge. Die größeren Augen des Pferdes sind charakteristisch für ihre gute Rundumsicht, deuten allerdings auch noch auf einen anderen Sachverhalt hin: Ein großes Auge kann wesentlich mehr Licht einfangen. Auf diese Weise sehen Pferde auch bei einsetzender Dämmerung und in der Nacht sehr gut. Die Netzhaut des Pferdes verfügt im Gegensatz zur menschlichen Netzhaut über eine große Anzahl lichtempfindlicher Stäbchen, die in ihrer Wirkungsweise Spiegeln ähneln und zu einer Verdoppelung der ins Auge einfallenden Lichtmenge führen. Deshalb sieht das Pferd in der Dunkelheit erheblich besser als der Mensch und deshalb leuchten Pferdeaugen auch, wenn man sie nachts anstrahlt. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Pferd selbst bei sehr ungünstigen Lichtverhältnissen noch in der Lage ist, sicher zu galoppieren und sogar Sprünge zu bewältigen.

Sehschärfe

In einem sind uns Pferde jedoch deutlich unterlegen und das ist die Sehschärfe – ein dünner Draht ist für die Augen des Pferdes nur schlecht bis gar nicht wahrnehmbar. Die Linse des Pferdeauges besitzt weniger Flexibilität als die des Menschen und kann dadurch die Sehschärfe schlechter einstellen. Unsere Pferde haben allerdings die Möglichkeit, diesen Nachteil körperlich auszugleichen, indem sie ihren Kopf zum Fokussieren viel flexibler bewegen können. Außerdem ist es ihnen möglich, mehrere Dinge gleichzeitig scharf zu sehen. Auf weitere Distanzen sieht das Pferd besser als auf Kürzere. Das Pferd ist also eindeutig weitsichtig. Allerdings ist das Auge unserer Pferde dabei auf sich horizontal bewegende Objekte spezialisiert, herabfallendes Laub z.B. wird vom Pferdeauge kaum wahrgenommen.

Ich hoffe, dieser Beitrag gefällt Dir und hilft Dir, die Welt stärker aus den Augen Deines Pferdes wahrzunehmen. Beim Verfassen des Artikels sind mir doch so einige Dinge nochmal bewusst geworden und ich hoffe, dass ich das ein oder andere für den Umgang und die Arbeit mit meinem Pferd mitnehme.

Equidocs
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2 Kommentare

  • Interessanter Beitrag und ein sooo wichtiges Thema für jeden Reiter! Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, wie unsere Pferde die Welt sehen! Das ist so wichtig um unsere Pferde wirklich richtig einzuschätzen und zu verstehen!

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